Ananda Cordova Stuart

Ananda Cordova Stuart (19) ist wahrscheinlich einer der charismatischsten und aufgeschlossensten Persönlichkeiten, denen ich je begegnet bin. Ganz gleich, wo sie auftaucht, strahlt sie nur so vor Lebensfreude und ihrem Latina-Temperament. Als ich Ananda zum ersten Mal in ihrer Heimatstadt Minneapolis (USA) besuchte, kannte ich sie kaum. Wir lernten uns nur flüchtig durch eine gemeinsame Freundin in Deutschland kennen. Trotzdem nahm sie mich herzlicher auf, als ich es mir je hätte vorstellen können.

Auch ihre Familie war so rührend gastfreundlich und nahm mich wie ein Mitglied der Familie auf. Ich könnte über jeden Einzelnen aus Anandas Familie eine Story schreiben. Ihre Mutter Linda, die für AFS arbeitet und internationale Beziehungen für Leute organisiert. Deswegen haben die Cordova Stuarts jeden Sommer internationale Gäste und Freunde zu Besuch. Vater Mauricio, der der Liebe wegen in die USA kam. Er ist in Ecuador geboren, wo Familie an erster Stelle steht. Deshalb ist sein Herz zweigeteilt und eigentlich noch fest in Südamerika bei seiner Familie verankert. Die 5-jährige Matea, das Küken im Nest, das jeden im Haushalt mit ihrer impulsiven und euphorischen Art ansteckt. Und Luca, der mir immer ein bisschen europäisch vorkam. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er Fußball-Fanatiker ist.

Du und deine Familie, ihr habt eine unglaubliche Geschichte. Ihr seid der Inbegriff des Multikulturalismus. Was bedeutet das für dich persönlich?

Zunächst einmal will ich einfach nur Danke sagen! Für mich bedeutet es wortwörtlich die Welt. Ich bin so stolz in einem multikulturellen Haushalt aufgewachsen zu sein. Es sind meine Wurzeln, und ich trage sie in mir, wenn ich durch die Welt gehe. Mich persönlich erinnert dieses Wort einfach an meine Kindheit und daran, dass ich mit einer weißen Mutter und einem Latino-Vater aufgewachsen bin. Multikulturalismus ist so wichtig und er liegt mir sehr am Herzen.

Ananda und ihre Familie in Minneapolis
Ananda und ihre Familie in Minneapolis

Du hast die Geschichte der Begegnung deiner Eltern mit deiner großen Leidenschaft, dem Musical Theater, verbunden. Darüber hast du ein Stück geschrieben, das erfolgreich aufgeführt wurde. Wie fühlt es sich an, diese Geschichte auf der Bühne zu sehen, vor allem weil du selbst Regie geführt hast? 

In meinem ersten und zweiten Jahr an der Highschool ging ich auf die FAIR (eine Schule für bildende Künste). An dieser Schule nahm ich in einen Dramaturgiekurs und dort wurde ich ermutigt, meine eigene Geschichte zu verfassen. Ich wollte über etwas schreiben, das mich inspiriert. Und das waren meine Eltern und ihre Liebesgeschichte. Ich interviewte sie und begann zu schreiben. Ich schrieb die Geschichte darüber, wie sie sich kennen gelernt haben und über ihre Zeit in Ecuador, als meine Mutter dort im Ausland studierte. Das Stück spielt in Ecuador. Es wurde ausgewählt, um als Frühjahrsstück des Schuljahres aufgeführt zu werden. Es war eine Ehre, meine Arbeit auf der Bühne zu haben. Ich spielte am Abend der Schulaufführung leider in einer anderen Aufführung und konnte nicht in dem Stück auftreten oder es überhaupt sehen. Aber meine Eltern gingen hin, und ich kann mir vorstellen, dass es für sie eine ganz besondere Erfahrung war. 

Später in meinem letzten Schuljahr leitete ich zum ersten Mal einen Liederzyklus Fugitive Songs. Es ist erstaunlich, dass meine Stimme gehört wurde und dass meine Lehrer so sehr an mich glaubten, sodass sie sich entschieden haben, mein Stück aufzuführen. Ich bin sehr glücklich und stolz auf meine Arbeit, denn ich habe mein Herz und meine Seele in dieses Stück mit dem Titel Nueva gesteckt. 

Was ist die USA für dich und was ist Ecuador für dich? 

Ich habe das große Glück, in den Vereinigten Staaten geboren zu sein. Als ich jünger war, empfand ich das anders. Für mich waren die Vereinigten Staaten ein Ort der Gier und der Schande. Es war das Land, in dem Trump gewählt wurde. Der Ort, wo die Sklaverei außer Kontrolle geriet. Das Land, das farbige Menschen als Kriminelle darstellt. Die Liebe meiner Eltern und der sichere Ort, den sie in unserem Haus geschaffen haben, halfen mir, den Schmerz zu vergessen, den die Vereinigten Staaten verursacht haben. Dadurch habe ich Ecuador noch mehr lieben gelernt. Ecuador war immer und wird immer mein Lieblingsort auf der Erde sein. Es ist das zweitkollektivistischste Land der Welt (das erste ist Guatemala) und das bedeutet, dass man sich aufeinander verlässt. In Ecuador geht man noch nicht einmal alleine zur Bank, es sind immer Freunde oder Familie dabei, die einen begleiten. Ich finde, darin liegt etwas so Schönes. Es ist einzigartig, gemeinsam zu reisen und sich gegenseitig so sehr den Rücken freizuhalten, dass es sich in die Gesamtkultur einprägt. 

Doch je älter ich wurde, desto mehr sah ich die Mängel in Ecuador. Es ist extrem klassizistisch. Es spielt eine Rolle, wo man herkommt und wie reich man ist. Diese Erkenntnis hat mir geholfen, auch in den Vereinigten Staaten etwas Gutes zu sehen. Als ich hin und her reiste, um meine Familie zu besuchen, wurde mir etwas klar: In den Vereinigten Staaten habe ich Möglichkeiten, die meine Altersgenossen in Ecuador vielleicht nicht haben. Ich weiß, dass ich nur deshalb so viel reisen und so viel über die Welt lernen konnte, weil ich das Privileg habe, US-Bürgerin zu sein. Also bedeuten die USA vor allem Chancen und Erfolg, während Ecuador Liebe, Glaube und Schönheit bedeutet.

Glaubst du, du wärest Schauspielerin geworden, wenn du in Ecuador aufgewachsen wärest? Denn du bist definitiv sehr talentiert und leidenschaftlich, aber die Umstände wären dort vielleicht anders gewesen.

Ehrlich gesagt: Wahrscheinlich nicht. Als ich klein war, träumte ich nie wirklich davon, Schauspielerin zu werden. Zuerst wollte ich Modedesignerin oder Maskenbildnerin werden. Ich war immer super mädchenhaft und verkleidete mich gerne. Erst in der 4. Klasse, als ich auf eine interdisziplinäre Kunstschule wechselte, bin ich zufällig in die Kunst geraten. Ich glaube nicht, dass ich in Ecuador mit den gleichen Dingen konfrontiert worden wäre. Also glaube ich nicht, dass ich Schauspieler geworden wäre. Das ist irgendwie verrückt, wenn man so darüber nachdenkt.

Ananda und ihre Familie in Ecuador

Du hast deine Mutter in deinem Podcast einmal gefragt, was ihrer Meinung nach ein Weltbürger ist? Was ist ein Weltbürger für dich?

Für mich ist ein Weltbürger jeder, der Wert darauf legt zu reisen und etwas über kulturelle Unterschiede zu lernen. Die Art von Menschen, die jeden Tag aufwachen und bereit sind, die gesellschaftlichen Normen in Frage zu stellen. Die Menschen, die soziale Gerechtigkeit zu einer Lebensweise machen, die nicht nur etwas ist, für das man immer kämpfen und nach der man streben muss. 

In meinen Augen bist du definitiv ein Weltbürger. Woher nimmst du dein Selbstvertrauen und deine Energie?

Ich wünschte, ich könnte eine lange Geschichte darüber erzählen, wie ich eines Tages aufgewacht bin und Selbstvertrauen und Leidenschaft fand. In Wahrheit habe ich alles gelernt, indem ich meiner Mutter zusah. Ich bin die Person, die ich heute bin, dank ihr. In meinen Augen ist sie das perfekte Beispiel eines Weltbürgers. Solange ich denken kann hat sie mich dazu gedrängt, mich selbst zu verbessern und hat mein Lernen herausgefordert. Meine Mutter ist nicht die Art von Mutter, die mich nach einem harten Tag verhätschelte. Sie war immer ein Motivator und ein Vorbild. Sie hat mir gezeigt sofort wieder aufzustehen und den Kampf weiterzuführen. Ich kann ihr also wirklich fast all die Lektionen, die ich gelernt habe verdanken. 

Nun eine etwas andere Frage. Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du nicht versagen könnest.

Diese Frage hat mich in letzter Zeit sehr beschäftigt. In diesem Jahr habe ich ein Gap Year gemacht und angefangen, alle meine Optionen für die nächsten Jahre auszuloten. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich wirklich tun wollte. Wenn ich wüsste, dass ich nicht scheitern könnte, würde ich nach San Francisco ziehen und dort auf’s College gehen. Ich würde in einem nagelneuen Restaurant arbeiten, während ich anfangen würde, meine eigene Firma für Jugendliche zu gründen, die sich für Kunst und Multikulturalismus interessieren. Ich würde beginnen, beides zu erforschen und ein Programm für Jugendschauspieler zu schaffen, die im Rahmen von Austauschprogrammen um die Welt reisen könnten. Sie würden etwas über andere Teile der Welt lernen und aus dem Gelernten Kunst schaffen können. Es wäre wie ein Sommerprogramm, für das man sich bewerben müsste und das vielleicht wie ein Wettbewerb sein würde.

Letzte Frage: Kannst du den Lesern aus dem, was du erlebt und gelernt hast, einen Rat für’s Leben mit auf ihren Weg geben?

Der beste Ratschlag, den ich je erhalten habe, lautet: „Das Leben ist kein Wettrennen“. Als ich die Entscheidung traf, mein Gap Year zu machen, hatte ich große Angst, dass ich hinter anderen Leuten in meinem Alter zurückbleiben würde. Diese Angst ist nicht zu 100 % verschwunden. Aber die Motivation, den Weg zu gehen, den die meisten nicht gewählt haben, hat sich geändert. 

Der größte Rat, den ich geben kann ist, den Sprung zu wagen. Tu das, was du schon lange tun wolltest. Das, was du aus so vielen Gründen noch nicht getan hast. Ich wette, die meisten dieser Gründe sind die Meinungen anderer Leute über dich. LASS DAS EINFACH LOS! SEI DU SELBST! Triff die Entscheidungen, die dich auf lange Sicht zum Lächeln oder zum Lernen bringen. Als ich akzeptiert habe, dass das Leben kein Wettrennen ist und ich die Dinge in meinem eigenen Tempo angehen kann, begann ich, die Höhen und Tiefen und die Herausforderungen des Lebens zu genießen. 

Das war die wunderbare Ananda Cordova Stuart. Ein Mädchen mit wachsendem Bewusstsein über die Dinge des Lebens. Ein Mädchen, das unglaublich inspirierend und wertschätzend ist. Wer mehr über Ananda, ihr Leben, ihre Geschichte und ihre Familie erfahren möchten, sollte sich unbedingt ihren Podcast Fake Adulting anhören oder ihren Blog lesen.

Und damit: Liebe sich wer kann! Adiós bitchachos!