Mit 16 Jahren habe ich meine Siebensachen gepackt, sagte meiner Schule in Deutschland „Adios“ und bin für zwei Monate nach Neuseeland geflüchtet. Zu der Zeit war ich in der zehnten Klasse eines Gymnasiums und bereitete mich auf das Abitur vor, das zwei Jahre später folgen sollte. Da die zehnte Klasse als Einführungsphase gilt, zählten meine Noten hier noch nicht für das Abiturzeugnis. Das bedeutete für mich, ich konnte mal eben 8 Wochen abhauen und die Schule am anderen Ende der Welt auskundschaften – ohne das Schuljahr in Deutschland wiederholen zu müssen. 

Schüleraustausch über die Bezirksregierung Düsseldorf

Bei meinem Neuseelandaufenthalt handelte es sich um einen Schüleraustausch, der von der Bezirksregierung Düsseldorf organisiert wurde. Das hatte den großen Vorteil, dass ich mich nicht alleine auf die Reise machen musste, sondern mit 40 anderen Schülern aus ganz NRW in den Flieger stieg. Wir konnten Neuseeland also zusammen unsicher machen. Zwar wurden wir vor Ort übers ganze Land verteilt und besuchten nicht zwangsläufig die gleichen Schulen, aber immerhin konnten wir uns gemeinsam der nicht ganz unkomplizierten Einreise angesichts strenger Einreisebestimmungen stellen. Ein weiterer Bonus bei dem Austauschprogramm war, dass unsere Gastschüler schon für zwei Monate in Deutschland bei uns gewesen sind, in unseren Familien lebten, mit uns in die Schule gingen und unseren Alltag teilten. So kannten wir unsere Partner schon und stürzten uns nicht vollkommen ins Unbekannte. 

Anreise

44 Stunden und 30 Minuten dauerte es bis zu meiner Ankunft im Kiwiland. Freitagmorgen um 5:30 Uhr in Deutschland zum Flughafen gefahren. 12 Stunden bis nach Singapur geflogen. 15 Stunden in Singapur verbracht. 9,5 Stunden weiter nach Neuseeland geflogen. Nach zahlreichen Kontrollen meine geliebte Austauschpartnerin Jacqui am Flughafen in Auckland in die Arme geschlossen. Gegen 14:00 Uhr am Sonntagnachmittag mein neues zu Hause für die nächsten Wochen betreten. Und Jetlag? Ist für Anfänger. Denn am nächsten Morgen ging es direkt fit und frisch in die Schule. 

Der Schulweg

der Schulweg zum Glendowie College in Neuseeland

Mein Schulweg bestand aus einem 20 minütigen Fußmarsch über einige hügelige Hügel. Das war ich nicht gewohnt, aus dem mehr als flachen Nordrhein-Westfalen, wo mich jeden Morgen ein Bus zur Schule chauffierte. Trotzdem stand ich auf das morgendliche „Workout“ zu meiner neuen Lehranstalt, dem Glendowie College. Zugegebnermaßen kam es in den folgenden Wochen oft vor, dass ich nass geschwitzt zum Unterricht ankam, dafür war ich immer hellwach und höchst motiviert. Außerdem genoss ich die kühle morgendliche Luft und erfreute mich tagtäglich über das jahreszeitliche Upgrade, das mir zustand. Ich kam geradewegs aus dem dunklen deutschen Winter in den strahlenden neuseeländischen Sommer.

Schuluniform

Gleich an meinem ersten Schultag trug ich meine Schuluniform bestehend aus einer weißen Bluse, einem dunkelblauen Rock und dunkelblauen hochgezogenen Socken (Schmuck, Nagellack und andere Accessoires waren nicht gerne gesehen, die Jungs mussten im Gesicht aalglatt rasiert sein). Dank der einheitlichen Kleidung fühlte es sich direkt so an, als wäre ich schon mein ganzen Leben auf diese Schule gegangen. Bis zur Pause. Prompt kam eine Lehrerin auf mich zugesteuert und machte eine riesige Szene, weil ich meinen Rock zu hoch gezogen hatte. „Here at our school we don’t wear our skirts this short (dramatische Pause) please roll it down“. Na toll. All eyes on me. Das war doch ein guter Einstand, dachte ich. Starke Leistung, Pauline.

Lehrer und Schüler

Jene nicht ganz so blendende Erfahrung mit der Lehrerin blieb allerdings eine Ausnahme. Mir fiel schnell auf, dass die Schüler und Lehrer am Glendowie College einen ziemlich guten Draht zueinander hatten. Die typische Rollenverteilung von Lehrer und Lernendem, wie ich sie kannte, fand hier so gut wie gar nicht statt. Man erzählte sich gegenseitig von seinem Wochenende, zeigte Videos von seinen Haustieren, redete über dies und jenes. Fast hätte man meinen können, Schüler und Lehrer wären Freunde. 

Schule in Neuseeland: Schüler beim Spliss suchen und Sportler beobachten

Dieses entspannte Klima lag vielleicht auch daran, dass jeder Schüler ganz und gar frei und in seinem eigenen Tempo arbeiten konnte. Während der Arbeit Kopfhörer auf den Ohren und Serien schauen oder Musik hören war nichts ungewöhnliches. Nach Spliss in den Haaren suchen oder die Sportler aus dem Fenster beobachten – gar kein Problem. Einmal habe ich es sogar erlebt, dass der Lehrer das Cricket Spiel vom vergangenen Wochenende schaute und kommentierte, während seine Lehrlinge fleißig ihre Aufgaben bearbeiteten. Und es war für alle das Selbstverständlichste auf der Welt. Hatte man gerade keinen Kopf für die Aufgaben, die es zu machen galt, war das nicht allzu dramatisch. Meistens konnte jeder selbst einteilen, wie viel und wann er arbeiten wollte. Eigenständigkeit war angesagt.

Schulsystem in Neuseeland

Ich habe mich immer gefragt, warum dieses System so gut funktionierte. Die Antwort war ganz simpel: Die Schüler hatten ihr Pensum und ihre Aufgaben, die sie erledigen und zu einer bestimmten Deadline abgeben mussten. Wer in der Schule nichts geschafft hatte, musste also alles zu Hause nachholen. Und danach war natürlich nur den Wenigsten zumute. Außerdem mussten die Inhalte für Klausuren sitzen, was bekanntlich auch nur durch pauken erreicht werden konnte. Jeder wollte natürlich seinen Abschluss, das NCEA (New Zealand Certificate of Educational Achievement) erreichen. Trotz all der Annehmlichkeiten gab es auch den „normalen“ Unterricht, in dem der Lehrer vorne stand und den Schülern Dinge erklärt, wobei diese sich mündlich beteiligen mussten. Als die Schüler den Raum am Ende der Stunde verließen, bedankten sie sich immer bei ihrem Lehrer für den Unterricht. Auf die Idee würde in Deutschland nicht mal im Traum jemand kommen.

Da ich als Austauschschülerin weder irgendwelche Aufgaben abgeben, noch Klausuren schreiben musste, war der Schulunterricht für mich mehr als entspannt. Ich schnupperte in verschiedene Kurse hinein und während meine Mitschüler büffelten, brachte ich mir selber die wesentliche Inhalte bei, die ich bei meiner Wiederankunft in Deutschland drauf haben sollte. Das hatte ich vor meiner Reise nach Neuseeland mit meinen Lehrern abgesprochen. So versäumte ich nichts von den ach-so-weltbewegendem Lernmaterial der zehnten Klasse.

der Stundenplan

Schule in Neuseeland: Ein Werk der Schülerin Jacqueline Cox aus dem Kunstunterricht am Glendowie College

Auch der Stundenplan war nicht so statisch und nach Pflichtfächern aufgebaut, so wie ich es aus Deutschland kannte. Natürlich musste jeder mal die grundlegenden Fächer wie Mathe oder Englisch absolviert haben. Das geschah dann aber schon in den unteren Jahrgangsstufen. In den höheren Jahrgängen waren alle Fächer bedingungslos frei wählbar. Und wer jetzt denkt, es ist doch egal, ob man in Chemie oder Physik vermasselt, die Fächer sind sowieso alle nicht lebensrelevant, der hat sich geirrt. Neben den konventionellen Fächern gab es in Neuseeland auch Unterricht in Fotografie, Tanzen, Tourismus, Kunst, und, und, und. Insgesamt hatte man auch nur fünf Fächer in einem Halbjahr, da konnte man sich voll und ganz auf seine Interessen fokussieren (das Ganze lief in einem 6-Tage-Stundenplan bei einer 5-Tage Woche. Durch die Rotation war nicht jeder Wochentag mit festen Fächern versehen).

Deutschunterricht

Ein Text von einem Schüler aus dem Deutschunterricht über "Erin die Einhorn"

Mein persönliches Highlight war der Deutschunterricht. Dort war ich so etwas wie eine Heilige. Mir wurde erstmals richtig bewusst, wie unlogisch und schwierig unsere Sprache eigentlich ist. Deshalb fieberte ich mit meinen Mitschülern mit, wenn sie versuchten einen halbwegs sinnvollen Satz herauszubekommen. Die Gespräche waren so zielführend wie zwei Tage Kreisverkehr. Ungeachtet dessen war es aber mehr als putzig, wie sie mich in Konversationen verwickelten, die normale Menschen nie führen würden. So ging es beispielsweise um Lieblingszahlen und Supertiere.

Assembly

Neben dem Unterricht, durfte das sogenannte Assembly im Schulalltag nicht fehlen, welches einmal wöchentlich stattfand. Die gesamte Schule versammelt sich dann in einem festlichen Saal auf dem Schulgelände und es wurde über besondere Ereignisse der letzten Woche gesprochen. Durch Reden von Schülern und Lehrern wurden alle zum Lernen motiviert und jeder sollte dazu gebracht werden, der Schule eine bestimmte respektvolle Haltung zu zeigen. Es wurden Lob und Ehrungen für besondere Leistungen ausgesprochen, zum Beispiel, wenn das Kanu-Team mal wieder was bei einem wichtigen Turnier gerissen hatte. Danach spielte die Schulband oder jemand griff sich das Mikrofon und sang für die sämtliche Schülerschaft.

Schule und Freizeit

In Neuseeland nimmt die Schule einen erheblichen Teil der Freizeit der Schüler ein. Wer einen Sport betreibt, macht das im Schulteam, wer ein Instrument spielt, macht das im Schulorchester, wer schauspielerisch tätig ist, macht das in der Theatergruppe der Schule. Deshalb pflegen wenige Schüler auch Freundschaften außerhalb der Schule. Das soziale Leben der jungen Leute spielt meist innerhalb der Kreise der Schule.

Schulschluss

Blick auf Rangitoto vom Strand in Auckland

Um 15:20 Uhr klingelte täglich die Glocke und der Schultag war beendet. Dann folgte mein Lieblingsteil des Tages: der Rückweg. Er ließ alte Kindheitserinnerungen wieder hochkommen. Wir hielten oft am dairy, also eine Art Kiosk, und gönnten uns für kleines Geld Süßigkeiten, Eis oder Smoothies. Auch ein Abstecher zum Strand mit einer Portion Fish and Chips war durchaus ein ein willkommener Schultagesabschluss.

Das war das Wort zum Sonntag. Meine Bilanz: Schule in Neuseeland ist cool. Zumindest das Glendowie College, andere Schulen kann ich nicht beurteilen.
Bleibt faustisch, Adios Bitchachos.

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